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Mein Beitrag zum Germanistentag 2013

K. Dautels Weblog

Mein Beitrag zum Germanistentag 2013

Letztens war ich auf dem Germanistentag 2013 in Kiel. Er findet alle paar Jahre statt, dieses Jahr hatte er das Motto „Germanistik für das 21. Jahrhundert“, sich zugleich aber das Ziel gesetzt, Hochschulgermanistik und Deutschlehrer miteinander ins Gespräch zu bringen. Um es gleich zu sagen: Aus meiner Sicht ist das nicht gelungen. Warum:
  1. Die Veranstaltung ist stark von den akademischen Vertretern, deren Ritualen und deren Thematiken dominiert. Ein Blick in das sehr umfangreiche Tagungsprogramm mit seinen 12 Sektionen macht dies deutlich.
  2. Es scheint auch nicht gelungen zu sein, in ausreichendem Maße praktizierende Lehrerinnen und Lehrer als Referenten gewinnen zu können, vermutlich auch nicht als Teilnehmer. Was auch sollte einen Deutschlehrer, eine Deutschlehrerin dazu veranlassen, Geld und Zeit einzusetzen, um sich dann von Professoren deren Forschungserlebnisreisen in ferne Kontinente vorführen zu lassen („globalisierte Germanistik“) oder an ihren Zitatentdeckungen aus vergangenen Jahrhunderten („hermeneutisches Billigkeitsprinzip“) teilhaben zu dürfen.
  3. Dies in der typischen Diktion der Initiierten mit eingestreuten „bekanntlich“ oder „wie wir alle wissen“ - gemeint sind dann die derzeit angesagten Thesen und Autoren, aber angesagt bei wem noch?
  4. Und um die universitäre Dramaturgie zu vervollständigen, werden solche Vorträge mit ziemlich sülzigen Laudationes eingeleitet, man könnte hier von akademischen Vorglüh-Ritualen sprechen, die nach außen hin die gegenseitige Bewunderung der Wissenschaftsgemeinde behaupten und den Zuhörer in einen erhobenen Erwartungszustand versetzen wollen.
  5. Es ist auch befremdlich zu erleben, dass jemand sich in seiner Studierstube einen Vortrag aus in die Länge gedrechselten Sätzen ausdenkt und diesen dann in Höchstgeschwindigkeit abliest, nur alibimäßig unterstützt von einfallslosen Powerpointfolien. Man denkt dann unwillkürlich an seine Schüler und das, was sie da erwarten mag.
  6. Besonders trist empfand ich die Forumsdiskussion um das gemeinsame  "Positionspapier" von Hochschulgermanistik und Fachverband Deutsch. Die Veranstaltung war irritierend früh zu Ende, die Statements blieben im Raum hängen, mit den Beiträgen aus dem Publikum wusste man nichts anzufangen.
Genug davon. Die Teilnahme hat mich ein paar hundert Euro gekostet (ich war sparsam) und dafür, dass ich mehrere Wochen an einem Vortrag gearbeitet habe, wurde mir der Teilnehmerbeitrag erlassen. Man dankt.

Und jetzt zum Positiven:
Es wurde die Sektion 12 eingerichtet mit dem Thema: "Digitale Texte rezipieren und produzieren". Die Intiative für eine solche Sektion ist wegweisend und ein Verdienst der beiden Organisatoren, H. Lobin (Prof.) und A. Borrmann (Lehrer). Die Vorträge und Gespräche im erwartungsgemäß kleinen Kreis waren abwechslungs- und einfallsreich, sie zeugten aber auch davon, dass hier noch ein echter Fokus gefunden werden muss: Was kann die universitäre Forschung an Textkorpora, Schreibverfahren und Lese-Routinen für die schulische Arbeit an der Lese- und Schreibkompetenz unseres Klientels bringen? Wie groß ist der Abstand von Theorie und Praxis (Antwort: Er ist noch sehr groß)? Warum sollten sich Deutschlehrkräfte für „digital humanities“ interessieren und was weiß die empirische Schulforschung wirklich von der Schule?

Denn: Die Schule (im weitesten Sinne) verändert sich mindestens so rasant, wie es die Medienlandschaft tut. Der Generationszyklus dauert höchstens zehn Jahre, alle zehn Jahre ist mit einem anderen Schülertyp zu rechnen, der unter anderen medialen und sozialen Bedingungen groß wird. Meine Schlussfolgerung daraus: Wer zehn Jahre oder noch länger keine Schulklassen von vorne (!) gesehen hat, der dürfte keine klare Vorstellung mehr davon haben, was eine Schülerleistung ist und was Lehrer leisten.

Von daher ist die Forderung, wie sie im Plenum des Germanistentages aus der Zuhörerschaft formuliert worden ist, völlig einleuchtend: Es gehe nicht an, dass Fachdidaktiker ohne ständig aufgefrischte praktische Schulerfahrungen den Ton in der Lehrerausbildung angeben können.

Allerdings muss hier berücksichtigt werden: Der Förderalismus schafft in fast jedem Bundesland eine eigene Bildungslandschaft! Das betrifft die Schulstrukturen, die Inhalte, die Lehrerausbildung und - nicht zu vergessen - auch den Sprachgebrauch. In Baden-Württemberg z.B. sind die sogenannten Fachdidaktiker sehr wohl Teil eines Schulbetriebes. Die Studienseminare, in denen Referendare ausgebildet werden, sind sehr eng mit den Gymnasien verzahnt, jeder Fachleiter und jede Fachleiterin, so heißen hier die Fachdidaktiker, geht in die Schule und ins Seminar, bildet also Schüler aus und Referendare und in gewissem Umfange auch Kolleginnen und Kollegen.

Erstes Fazit: Die Vielfalt und auch Unübersichtlichkeit der föderalen Bildungslandschaft wird zu wenig zur Kenntnis genommen. Ein Germanistenverband, der sich für Lehrerausbildung und Schule interessiert, sollte zuallererst eine Bestandsaufnahme dieser Vielfalt vornehmen und daraus Schlussfolgerungen ziehen. Wenn ein Kieler Professor über Lehrerausbildung und Unterricht urteilt, dann hat er - ob er will oder nicht - die Ausbildung in Schleswig-Holstein (und drumherum) vor Augen und nicht DIE deutsche!

Hierzu eine Frage (in Klammer): Wenn jemand in Baden-Württemberg an einer Pädagogischen Hochschule (PH) das Fach Deutsch für die Grund-, Haupt-, Real- oder Gemeinschaftsschule studiert, darf er dann in den Germanistenverband eintreten? Ist er / sie Germanist?

Zweites Fazit: Ich habe mir nach diesem Erlebnis überlegt, was ich tun kann. Eine erste Überlegung wäre, aus dem Germanistenverband auszutreten und einen Deutschlehrer-Verband zu gründen. Eine andere Überlegung ist, auf die Nachwehen dieses Germanistentages zu lauschen und sich überraschen zu lassen.

Eine dritte Überlegung ist, einen - zugegeben - sehr persönlich gefärbten Blogeintrag zu verfassen und auf Reaktionen zu warten.

KommentareKommentare

  • Fontane44
    Fontane44 30.09.2013 18:48

    Ich denke, für Studenten sind solche Veranstaltungen gut, wenn sie nicht zu teuer kommen. Ich habe einen Historikertag in Köln in guter Erinnerung. Man bekam besser als an seiner einzelnen Uni und aufgrund seiner - mehr sorgfältigen als umfassenden Lektüre - mit, was angesagt war und wer wirklich etwas zu sagen hatte. Germanistentage habe ich mir freilich immer abgehobener vorgestellt und sie nie besucht. Kein inhaltsreicher Kommentar, aber vielleicht verführt er dazu, etwas Aktuelleres zu sagen.

     

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