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Deutsch Abitur 2012 BaWü - das Ende der Spekulationen #2

K. Dautels Weblog

Deutsch Abitur 2012 BaWü - das Ende der Spekulationen #2

Also, jetzt ist ja alles klar. Ich will mal meine Gedanken zu den Abi-Aufgaben so zusammentragen, wie sie mir bei der Lektüre der Aufgaben selbst (und dann der Erwartungshorizonte) gekommen sind -  und bevor ich mit der Korrektur anfange.

Aufgabe I: Alfred Ill wächst über sich hinaus, Josef K. aber nicht.

Wie es die Spatzen von den Dächern pfiffen, eine lösbare Aufgabe. Die Textstelle aus der „alten Dame“ ist zentral und bestimmt schon irgendwann einmal analysiert/interpretiert worden. Z.B. im kollektiv von meinem Deutschkurs (http://www.hoegy.de/wiki2/index.php/Dürrenmatt11/Szenenanalyse). Die Dynamik der ausgewählten Szene entwickelt sich schön schrittweise, die Redeanteile sind eindeutig verteilt, die Heuchelei des Bürgermeisters und die Doppelzüngigkeit seiner Argumentation sind offensichtlich. 

Als etwas diffizil empfinde ich beim Werkvergleich die Verantwortungsfrage im Hinblick auf Josef K. 

Zuerst aber müsste der Begriff Verantwortung geklärt werden: Antwort geben auf … sich einer Instanz gegenüber erklären, diese Instanz kann auch das eigene Gewissen sein, aber auch eine Institution wie die Familie oder ein Gericht … hier wären wir ganz dicht an Josef K. dran. Aber vorher muss mal wieder die Schuldfrage geklärt werden: Ohne Schuld keine Verantwortung. Und wo liegt genau bei Josef K. die Schuld? Also führt die Beantwortung der Verantwortungsfrage mal wieder über die Behandlung der Schuldfrage. Und das finde ich schwierig - wenn wir nicht bloß über die Frauen reden wollen (vgl. Erwartungshorizont). Warten wir‘s ab, was den Schülern dazu einfällt, vielleicht die Prüglerszene? Das wäre nicht schlecht, finde ich.

Aufgabe II: Hoffentlich der richtige Kurfürst!

Wieder einmal haben wir den Fall, dass nicht ein Protagonist sich äußern darf, sondern dass die sprechenden Personen Randfiguren sind, deren Denken und Duktus im Werk ohne klare Konturen geblieben sind. Also muss sich der Schüler irgendetwas einfallen lassen, wie z.B. der Kurfürst reden könnte. Da ist ja viel möglich! Und den Luther kann man ja auch nicht nur feurige Worte in die Gegend schleudern lassen - wie er es im Disput mit Kohlhaas tut. Also: eine schwierige Aufgabe für beide Seiten: Lehrer und Schüler.

Aufgabe III: Ohne Kommentar

Aufgabe IV: Erich und Erich im Vergleich

Ein nettes, ziemlich typisches Kästner-Gedicht, das den Schülern leicht fallen kann. Aber: Ganz ehrlich, ich mag Erich Fried nicht. Ich finde, er ist kein Lyriker, sondern eine Art Epigrammatiker. Das zeigt sich auch wieder hier: Sein Gedicht hat keine lyrische Qualität, es hat keine Metaphorik, keine poetischen Bildbereiche, die einen Assoziationsreichtum entfalten - es sind kleine Denkspiele und dialektische Logeleien. Ihre Einfachheit ist trügerisch, ein solches Gedicht kann nicht über seine Bilder und Klänge, sondern nur über seine Strukturen und syntaktischen Konstruktionen erarbeitet werden - und dann natürlich die berühmte Dialektik des zweideutigen Sprechens … Hier endet die vermeintliche Schlichtheit des ,Gedichtes‘. - Bemerkenswert übrigens, dass die Gedichte wieder einmal so ausgewählt sind, dass sich eine literaturgeschichtliche Einordnung gleichsam erübrigt. Welche Konsequenzen für die unterrichtliche Behandlung des Themas "Liebeslyrik von Barock bis Gegenwart" legt dies wohl nahe?

Aufgabe V: 

Irgendwie ein wirrer Text. Was ist die These? Wofür/Wogegen wird genau argumentiert? Warum dieses lange sich Aufhalten an der Doping-Geschichte, wenn sie nur ein Beispiel für etwas anderes sein soll, nämlich das 'Geworfensein' des Menschen zwischen Mängelwesen und Perfektionsdrang.

Diese Doping-Thematik macht immerhin die Hälfte des Textes aus. Es ist zu befürchten, dass Schüler genau da einhaken und daraus den Ansatz für die Erörterung wählen werden: Doping - pro und kontra? Das aber ist Quark. Oder: Schneller, höher, weiter - soll man sich hier mit der olympischen Idee auseinandersetzen? Oder mit Gen-Technologie und Ästhetischer Chirurgie? Woher soll die Kompetenz kommen?

Demgegenüber: Der Kern des Artikels ist das Menschenbild oder noch toller: Der Mensch an sich! Und das ist eine ganz anspruchsvolle Sache - Hut ab vor dem Schüler, der Schülerin, der/die es schafft, sich damit auseinanderzusetzen.

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