Ich plane gerade eine Unterrichtseinheit zu Juli Zehs Roman "Corpus Delicti". Dabei möchte ich u.a.
• Recherchen zur Person, medialen Präsens und Rezeption im Internet durchführen und
• Präsentationen von relevanten literarischen Werken des Genres Utopie und Dystopie erarbeiten lassen.
Beides soll schließlich zu einem Wiki-Artikel-Netz oder Weblog führen, das Recherchen und Präsentationen sinnvoll miteinander vernetzt.
Jetzt stellt sich für die mich die Frage, die mir immer mehr auf den Nägeln brennt: Wie müssen die Aufgaben gestellt werden, damit sie nicht schon mit Copy'n'Paste aus der Wikipedia und anderen Internet-Quellen erledigt werden können.
Meine Überlegungen: Sie müssten drei Bedingungen erfüllen:
1. Sie sollen Recherchen im Internet beinhalten ➛ das ist elementarer Teil der Medienerziehung, des Weiteren gibt es viele relevante Informationen auch nur digital.
2. Sie sollen die Möglichkeit von „Direktübernahmen“ überschreiten ➛ also erkennbare und bewertbare Eigenarbeit einfordern.
3. Sie sollen eine Differenzierung nach Leistungsprofil und Interesse ermöglichen ➛ also individualisierte Herangehens- und Darbietungsformen fördern.
Das heißt praktisch, eine Aufgabenstellung wie diese:
"Stelle den Roman "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury deinen Mitschülern vor und erarbeite dazu einen Wiki-Artikel über den Autor, den Inhalt und die zentrale Thematik" -
geht dann SO nicht mehr, weil sie durch einen einfachen Blick / Klick in die Wikipedia zu erledigen wäre. Ebenso enthält die Aufgabenstellung keine Angebote zur individuellen Vorgehens- und Gestaltungsweise. Jeder Schüler würde in etwa denselben Artikel produzieren (können).
Die Aufgabenstellung muss folglich modifiziert und untergliedert werden. Hier einige Ideen:
Die Präsentation (im Kurs und im Wiki-Artikel) soll enthalten:
- Eine ausgewählte Textstelle, an der die zentrale Thematik dargestellt und gemeinsam (d.h. im Plenum) erarbeitet werden kann.
- Eine Visualisierung der Figurenkonstellation mittels Pfeilen, Kreisen, Icons und anderen optischen Signalen
- Eine kritische Würdigung des Romans / Werkes im Hinblick auf Autor-Intention, Gestaltungsmittel und Aktualität.
- Einen Vorschlag für eine gemeinsame Lesestelle mit Begründung für deren Auswahl: Warum ist diese Stelle typisch, ergiebig,
- Einen Arbeitsbericht über die Vorgehensweise bei der Erarbeitung der Aufgabenstellung
- Einen Vorschlag, mit welchen Schlagwörtern (Tags) der Artikel versehen werden kann, um ihn in das Gesamtprojekt einzuordnen und auffindbar zu machen.
- Einen Quiz, mit dessen Hilfe die wesentlichen Informationen der Präsentation noch einmal abgefragt werden
Diese Vorschläge verlangen
- dass die Arbeit zwar mit Hilfe des Internets (sagen wir gleich: Wikipedia) begonnen (!) wird,
- dass aber die Verpflichtung der Eigenarbeit den erkennbaren Hauptteil ausmacht,
- dass eine Reflexion der Arbeitsschritte durchgeführt wird,
- dass unterschiedliche Lerner-Profile bzw. Zugangs- und Gestaltungsweisen ermöglicht werden,
- dass die Aufgabe eher im Team als allein erledigt wird,
- dass die Möglichkeit einer Dokumentation oder gar eines Portfolios vorhanden ist,
- dass die Bewertungskriterien auch das Zustandekommen einer Leistung berücksichtigen.
Wer hat Erfahrungen (mit Juli Zeh und) mit produktiven Aufgabenstellungen?
Für Kommentare und Hinweise bin ich dankbar.

Fontane44 02.04.2012 23:46
Dank Karl Kirsts Hinweis stoße ich - wenn auch leider verspätet -auf deinen beachtlichen Beitrag. Zu deinen allgemeinen Überlegungen weiß ich nichts hinzuzufügen. Beim Versuch einer sprachlichen Verbesserung des Wikipedia-Artikels hätte man freilich noch einiges leisten können (und dabei etwas über die Vielfältigkeit der Aufgaben in der Wikipedia gelernt). Außerdem ließe sich fragen, welche Motivationen für Juli Zehs Ablehnung des Laßwitzpreises denkbar wären, und als Textproduktion ließe sich ein differenzierender Kommentar zu Uwe Posts Blog fordern (der freilich nicht unbedingt dort veröffentlicht werden müsste - oder allenfalls unter Pseudonym). Schließlich könnte man herausarbeiten lassen, wo sich der/die Autor(en) der Wikipedia auf die vorliegenden Rezensionen stützen, und man könnte zu einer mit Hilfe des Romantextes begündeten Kritik an einzelnen Rezensionen auffordern. Dies alles könnte in eine Verbesserung des vorliegenden Artikels münden. Dies setzte allerdings voraus, dass zunächst die Hemmschwellen gegenüber Aktionen im Internet abgebaut wären. Schließlich ist anzunehmen, dass weder die Autoren des Artikels noch die evtl. herbeigerufenen Administratoren sich auf Argumentationen einlassen, obwohl die Regeln der Wikipedia "Theoriefindung", wie sie in diesem Artikel betrieben wurde, ausdrücklich untersagen. Wenn dann die Schüler zu der Auffassung kommen sollten, dass die Wikipedia ein passendes Teil in der Maschinerie einer zukünftigen METHODE werden könnte, wäre das freilich sicher nicht mehr im Sinne der kultusministeriell verordneten Bildungsstandards. (Ich schweife unzulässig ab, übe Selbstkritik und bitte, meinen letzten Absatz zu streichen.
)
Fontane44 03.04.2012 00:47
In einer älteren Version des Wikipediaartikels habe ich einen Vergleich von "Corpus Delicti" mit Fontanes "Stechlin" gefunden, den ich in den ZUM-Wiki-Artikel "Stechlin" eingebunden habe (http://wiki.zum.de/Der_Stechlin#Zur_Behandlung_im_Unterricht). Die dortige Aufgabenstellung ließe sich leicht verändert auch für die Behandlung von "Corpus Delicti" verwenden, auch wenn "Der Stechlin" weit unbekannter ist als Dystopien. Aber Fontanesche Gesellschaftskritik sollte aus "Frau Jenny Treibel" oder "Effi Briest" doch manchen bekannt sein.
Fontane44 03.04.2012 01:16
Hab's mal gleich in deinen Artikel eingebaut: http://wiki.zum.de/Corpus_Delicti._Ein_Prozess