Ich „will mich an diesen Spekulationen“ nicht beteiligen, ist ein oft gehörter Politiker-Satz und er lässt mich immer ein bisschen zusammenzucken, denn wer dies sagt, ist schon ganz tief drin in diesen Spekulationen.
Dieses Jahr könnte ein solcher Satz aber auch von mir stammen, was die Vorhersage der Abitur-Themen 2012 in Ba-Wü betrifft. Einfach, weil mir nichts mehr dazu einfällt. Wird Kleist mit Kafka oder Dürrenmatt mit Kleist verglichen? Muss Josef K. einen Brief schreiben oder Michael Kohlhaas? Erkennt/Bekennt Alfred Ill seine Schuld früher als Josef K, hat dieser überhaupt eine Schuld und wenn ja, welche, und hat er das auch verstanden …? Und so kann man den ganzen Schuld- und Recht- und Rachewirrwarr noch ein weiteres Mal durchforsten, um dann festzustellen: Die guten Ideen, die Schlüsselstellen, die einleuchtenden inneren Monologe sind schon gewesen, was jetzt noch kommen kann, ist der Rest: das Banale oder das Abgefahrene.
Nach drei bis vier Jahren mit den immer gleichen Pflichtlektüren ist meine prophetische Kraft aufgebraucht und eine fatalistische Haltung macht sich breit: Mag kommen, was will, die armen Schülerinnen und Schüler werden sich tapfer durchkämpfen und wir Korrekturmaschinen werden heißlaufen wie jedes Jahr.
Was ist die Logik dahinter? Werden die Pflichtlektüren lange genug beibehalten, dann kann man seinem Kurs nur noch empfehlen, Analyse-Prozeduren und Interpretations- und Schreibroutinen zu trainieren, sich bewährte Aufsatzstrukturen und umfangreiches Textbefragungsrepertoire anzueignen und dann auf Gott und/oder sich selbst vertrauen. Damit wäre die Kompetenz-Orientierung auch im Abitur angekommen. Und das wirkt dann auf den Unterricht zurück: Er reduziert seine Inhalte und verstärkt seine Routinen: Teaching to the test. Ich merke es an mir selbst: Das tut nicht gut.
Eins ist aber doch sicher: Es kommt mindestens ein Gedicht dran und das hat irgendwas mit Liebe zu tun. Zum Glück!

nasenbaer 26.02.2012 16:07
Ja, ja, das Abitur! Wenn es nicht so zum Heulen wäre... Das wirklich Sinnige kann ich im Moment auch nur noch bei Dürrenmatt entdecken, und da es frisch und unverbraucht für das erste Thema zur Verfügung steht, tippe ich tatsächlich auf den "Besuch der alten Dame " und einen Vergleich aller drei Werke ( Rolle der Frauen / Täter oder Opfer?...). Abseits dieser Spekulation beschäftigt mich, dass die Aufgabenstellungen einschließlich Erwartungshorizonten immer weniger griffig und leider oftmals auch wenig sinnig sind, Operatoren unscharf gebraucht werden etc. Teaching to the test.... sicherlich. Zunächst ist mit Blick auf die Verteilung von Lebenschancen durch die Abiturprüfung dagegen nichts einzuwenden. Der zweite Blick enthüllt dann allerdings auch, dass der Spaß an der Auseinandersetzung mit Literatur zu kurz kommt. Frage eines Schülers: "Brauche ich das, was wir hier machen, für die Abiprüfung"? Mit anderen Worten: Muss alles, was im Deutschunterricht behandelt wird, sofort und am besten noch messbar seine Relevanz erweisen? Geht es in unserem Fach nicht auch um Bildung im erweiterten Sinne?