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Occupy whatever

K. Dautels Weblog

Occupy whatever

Vielleicht gehe ich doch noch auf die Straße und demonstriere gegen die Banken. Obwohl:

Es geht mir gut, ich bin auch nicht mehr jung, ich muss mir um meine materielle Zukunft nicht viel Sorgen machen - eher um meine leibliche. 

Außerdem: Die Bewegung hat keine Vision, nicht so wie damals vor 40 Jahren (ich sage nur: China, Cuba, Vietnam), keine Führung und kein Organisationsstruktur - es sei denn, man versteht die sozialen Netzwerke als Quasi-Organisationsersatz.

Und schließlich: Wer weiß, wer mit dieser Bewegung alles sein Süppchen kochen wird. Die Sozialdemokraten, die Grünen, die Piraten und auch unser Finanzminister - sie alle arbeiten an Vereinnahmungsstrategien, wenn auch nicht alle gleichermaßen unsympathisch!

Trotzdem, vielleicht gehe ich doch noch auf die Straße und demonstriere. Denn: 

Die Banken, um die es hier geht (nicht die Kreissparkasse), sind augenfälliger Ausdruck sozialer Ungerechtkeit; so leicht ließ sich das schon lange nicht mehr lokalisieren.

Außerdem glaube ich hinter den Antriebskräften der Bewegung Tugenden zu entdecken, die mir wertvoll sind:

Verantwortung für das Gemeinwohl (darum demonstrieren auch solche, denen es gut geht); 

Gerechtigkeit im Sinne von ausgleichender Gerechtigkeit.  

Demokratische Kontrolle von Unternehmen, die sich für „too big to fail“ halten.

Noch dazu hat diese Protestbewegung das Potenzial (und den Grund) zu einer globalen Bewegung - das hat sie mit dem Finanzkapital gemeinsam und der aktuellen Politik voraus.

Darum meine Hoffnung: 

Zwar zittern die Banker (noch) nicht vor ein paar tausend Leuten auf der Straße und in Zelten, aber Politiker dürfen sich ermutigt / inspiriert / gezwungen fühlen, ihren Auftrag als Volksvertreter offensiver zu vertreten und gegen Lobbyisten stärker aufzutreten.

Zwar ist alles ein bisschen difus und könnte in sich zusammenfallen, wenn die Nächte kälter und das Wetter winterlich wird, aber gerechter Zorn kann auch wärmen und befeuern. 

Vielleicht gehe ich doch noch ...

KommentareKommentare

  • TNolte
    TNolte 18.10.2011 21:59

    Ich habe mir den Ruck gegeben und war am Samstag bei den ca. 1.000 Demonstranten in Düsseldorf dabei. Erstaunt hat mich das Spektrum durch alle Schichten und Altersklassen. Eine gewisse Naivität war schon vorhanden; aber muss man auf komplizierte Sachverhalte immer eine perfekte Antwort haben? Die Deutsche Bank in ihrem altehrwürdigen Gebäude auf der "Kö" (Düsseldorfer Luxusmeile Königsallee) hatte wohl den Notstrom(?)Dieselgenerator angeworfen, so dass es vor der edlen Bank aus dem Rost auf dem Bürgersteig übel stank. "Pecunia non olet"? Wollte man uns verabgasen, pardon: vertreiben? Dieser sinnliche(?) Eindruck wird mir nun nachhaltig im Gedächtnis bleiben! Ich teile die Hoffnung von Klaus Dautel. - "Flagge zeigen!", nicht nur in DE, sondern in 80 Ländern auf dieser Erde! Straßenprotest ist zudem "haptischer" als rein digitaler. Aber auch der wächst, wie man an www.avaaz.org sehen kann (10 Millionen Unterstützer weltweit). Vielleicht ist es bei der "Occupy Wall Street" Bewegung wie bei Zins und Zinseszins: die (Geld)Menge mehrt sich erst recht langsam und steigt dann exponentiell.

     
  • kdautel
    kdautel 22.10.2011 14:42

    „Protest ohne 68er“ ist ein interessanter Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom Samstag (22.10. S. 15) überschrieben, der sich mit New Yorks „Occupy Wallstreet“ (OWS) beschäftigt und dem ich folgendes entnehme: 1. Die Bewegung hat viel, sehr viel mit der Enttäuschung über Obama zu tun. 2. Irgendwie kriegen die Besetzer des Zucotti-Parks es hin, dass Ordnung herrscht, dass aufgeräumt wird, dass genug zum Essen da ist, dass trotz Microfon-Verbot effektiv kommuniziert wird ... 3. Die Bewegung hat zwar kein Organisationszentrum und keine Führung, wohl aber Vorläufer und Inspiratoren, wie z.B. einen gewissen David Graeber, „ein Anarchist und Ethnologe“, wie es in der Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/David_Graeber) heißt. Konventionelle Protestformen wiederholen, laut D.Graeber, die hierarchischen Verhältnisse, die es gerade abzuschaffen gelte. Wer sich hinter ein Programm stelle und konkrete Forderungen erhebe, z.B. höhere Steuern für Reiche, agiere letztenendes systemerhaltend, z.B. in der Anerkennung der Existenz von Reichtum und Armut. 4. Die unmittelbaren Vorbilder von OWS seien, laut Süddeutscher Zeitung, nicht die linken Proteste der 70er Jahre, sondern die Bewegungen in Spanien, Griechenland, Ägypten und Tunesien - die Besetzung eines öffentlichen Platzes von symbolischer Bedeutung. 5. Damit greift die Bewegung auf, was „Anfang der Siebziger abriss, als sich die Wege der Linken trennten“ und der Protest in sich gegenseitig bekämpfende Programme, Vereinigungen, Parteigründungen zerfiel. Mein Fazit: Alles irgendwie einleuchtend und sympathisch und man darf gespannt sein. Vielleicht muss man sich auch darüber Gedanken machen, worauf genau die Occupy-Bewegung in der BRD aufbauen kann, denn einen deutschen Obama, eine deutsche Tea Party und eine 1 zu 99%-Gesellschaft haben wir - trotz alledem - noch nicht.

     
  • TNolte
    TNolte 22.10.2011 18:40

    Wenn das stimmen sollte, was im folgenden SPIEGEL-Artikel behauptet wird ("Unverhoffter Geldsegen. Occupy Frankfurt streitet über Linkspartei-Spenden"), dann schafft sich "Occupy Frankfurt" als reine Bürgerbewegung durch eine monetäre Okkupierung durch die LINKEN ganz schnell selber ab: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,793389,00.html

     
  • Fontane44
    Fontane44 28.10.2011 16:36

    @TNolte: Die OWS-Bewegung scheint mir viel zu diffus, als dass sie durch Streit zusammenbrechen könnte. Ideologische Gräben können jedenfalls bestimmt nicht aufbrechen, schon gar nicht weltweit. Freilich, die bemerkenswert gute Organisation spricht für einen engen Organisatorenkreis. Wenn der aus technischen Gründen sich zerstreitet und dann noch ein Kälteeinbruch hinzukommt, sehe ich schwarz für eine ansehnliche Personenzahl aus allen Gruppen der Bevölkerung. Ich selbst wäre gern zum Demonstrieren gezogen, bin aber immer noch in den Fängen einer ordentlichen Erkältung, die mich zu einem höchst philisterhaften "an mir allein wird es nicht scheitern" bewogen hat. Wichtig scheint mir, dass auch im Mainstream deutliche Zustimmung zur Haltung der Protestierenden hörbar wird. Inzwischen war selbst im Wirtschaftsteil der ZEIT zu lesen: „Diese nunmehr fast fünf Jahre währende Finanzkrise geht erst vorbei, wenn die Staaten eine andere Finanzindustrie geschaffen haben – eine, die der Gesamtwirtschaft dient und nicht sich selbst bedient. Eine Finanzindustrie, die für die von ihr eingegangenen Risiken geradesteht, statt noch jeden Fetzen Gewinn mitzunehmen und dann im unweigerlich folgenden Notfall den Staat zu Hilfe zu rufen. Die ihre Leute gut bezahlt, wenn sie ihrem Arbeitgeber und der Gesellschaft dienlich sind, und schlecht, wenn ihre Rechnungen nicht aufgehen.“ (ZEIT vom 20.10.11, S.23)

     
  • Tuennes
    Tuennes 04.12.2012 17:58

    Klaus Dautel: "Die Banken, um die es hier geht (nicht die Kreissparkasse), sind augenfälliger Ausdruck sozialer Ungerechtkeit; so leicht ließ sich das schon lange nicht mehr lokalisieren." Menschen sind gierig, gewaltbereit, und auch sonst mit allen schändlichen Merkmalen ausgestattet, die sich der Teufel nur wünschen kann. Aber der Witz der demokratisch-kapitalistischen Grundordnung besteht ja gerade darin, dass der eigennützige Bänker oder auch der eigennützige Anleger (selbst der UBS-Stiftungskunde) nicht darum herum kommt, die paar Bröckchen von seinem reich gedeckten Tisch fallen zu lassen, die der "Prasser" des Evangeliums dem armen Lazarus gerade vorenthalten hat, was den armen Mann so besonders entwürdigt. Heute geht die Schere auseinander, zweifellos, aber auch die Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter nehmen teil an wirtschaftlichen Verbesserungen. Dabei ist eins klar: Mehr Geld ist weder für die Armen - und schon gar nicht für die Reichen automatisch mehr Glück! Und es wird ja rund ums große Geld dazugelernt: Wenn ein UBS Angestellter für eine Denunziations-CD 3,5 Millionen EURO erzielen kann, kann sich der Steuerhinterzieher seiner Sache nicht mehr sicher sein. Und wenn die Transaktionssteuer wirklich kommt, wird sich der Hochfrequenzhandel nicht mehr lohnen. Kurz und gut: Ich gehe nicht demonstrieren, stattdessen passe ich besser auf, wo ich mein Geld anlege, was ich kaufe, ich versuche mit meinen bescheidenen Mitteln relevante Nachrichten zu verbreiten; ich versuche mir den Neid zu verbieten, denn das scheint mir einer der größten Feinde des Glücks zu sein.

     

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