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Sehr geehrter Herr Professor Sofsky,

K. Dautels Weblog

Sehr geehrter Herr Professor Sofsky,

mit Interesse habe ich Ihren Text „Die Wonnen der Vergeltung“ in der Focus-Sondernummer zum Tode Bin Ladens (6. Mai) gelesen und mir überlegt, ob ich ihn meinem Deutschkurs zur Bearbeitung vorlegen soll. Ich würde dann zuerst die Frage nach dem Thema und der These stellen. Das ist nicht schwer, es geht um den Tod des Top-Terroristen (Alliteration!), als These ließe sich die Überschrift zitieren: Rache „kann so moralisch sein wie Dankbarkeit“.  

Dann käme die Frage nach der Textsorte. Hier wird es schon schwieriger. Ist es eine ausgewogene Erörterung, eine persönliche Stellungnahme, eine wissenschaftliche Abhandlung oder auch ein Essay, da Sie nicht nur als Soziologe, sondern auch als Essayist vorgestellt werden. Da dieTextsorte Polemik bei uns noch nicht eingeführt ist, würden wir uns wohl, nach einigem Hin und Her, für die Textsorte Stellungnahme entscheiden. 

Die nächste Frage wäre dann, ob Ihrer kritischen Stellungnahme eine faire Darstellung der zu kritisierenden Positionen zugrundeliegt - weil wir das so lernen, dass man die Position des Gegenübers angemessen zur Kenntnis und so korrekt wie möglich wiedergeben soll. Da lesen wir dann gleich zu Beginn vom „bundesdeutschen Justemilieu“ (hier wohl: laue Gesinnung), von „selbstgerechten Talarträgern“ und „selbst ernannten Sittenwächtern“ und überhaupt hätten sie alle „die wichtigsten Sachverhalte“ nicht zur Kenntnis genommen (S.46) 

Darum folgt jetzt auch Ihre Fassung des Wichtigsten. Wir würden diesen Teil durch mehrfarbige Unterstreichungen und Randmarkierungen bearbeiten und an der Tafel mit einer Spiegelstrichliste sammeln. Die Schüler würden daran erkennen, wie Sie Ihre These (siehe oben) argumentativ stützten. Dabei würden sie natürlich auch auf Wortwahl etc. achten, die Umschreibungen „Einpeitscher“, „Erzfeind“, „Terrorfürst“ oder „Warlord“ markieren und sich diesen sprachlichen Variantenreichtum für später zu Herzen nehmen.

Schließlich würde uns besonders interessieren, was das nun für Deutschland bedeutet. Hier würden wir sofort unser Instrumentarium der Sprachanalyse einsetzen können. Vor allem fiele das Wörtchen „man“ ins Auge, das insgesamt acht Mal das Satz-Subjekt ausmacht und wir würden uns fragen, wer damit gemeint sein mag, wenn es heißt: Man ist „auf die Sieger von einst schlecht zu sprechen“, man glaubt „allen Ernstes… sich zu ungeahnten zivilisatorischen Höhen emporgearbeitet zu haben“, man „ergeht … sich in leerer Drohgebärde und entrüsteter Predigt“ (S. 47). Natürlich fielen uns auch Übertreibungen (Hyperbel) auf, ebenso geschickte Ironisierungen mittels Verkleinerung, oder auch prägnante antithetische Fügungen wie „Kinderträume“ versus „blutige politische Wirklichkeit“. 

Spätestens an dieser Stelle würde sich uns die Frage stellen, ob wir - die informationsbeflissenen Leser - wirklich den richtigen Text lesen, ob wir mit Argumenten überzeugt oder eher mit dem rhetorischen Holzhammer erschlagen werden sollen, oder ob wir uns diese Art der Schreibe wenigstens zum Vorbild z.B. für die bald zum Abitur gehörende Textsorte „Essay“ nehmen sollen?

Wenn ich es dann recht bedenke, lasse ich es doch besser bleiben, das ist nichts für uns.

KommentareKommentare

  • Fontane44
    Fontane44 07.06.2011 17:33

    Mir gefällt das Uneigentliche der Darstellungsweise. Man könnte freilich auch behaupten: Wieder einmal ist es nicht gelungen, einen Text nicht zu schreiben. So, wie es angeblich oft so schwer sein soll, keine Satire zu schreiben. Aber das würde der schönen Distanzierung vom Adressaten nicht gerecht.

     

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