Wie verzweifelt muss eine CSU nach Zustimmung im bayrischen Hinterland gieren, dass unser neuer Innenminister meint, gleich zu Beginn eine hinterwäldlerische Duftmarke setzen zu müssen. Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, dafür gäbe es aus historischer Sicht keine Belege.
Als ob es um historische Belege ginge. Wichtige deutsche Leitkultur-Größen haben sich ernsthaft und respektvoll mit dem Islam beschäftigt (J.W. Goethe im „West-Östlichen Divan“, G.E.Lessing in seinem „Nathan“). Ein deutscher Innenminister, der demnächst wieder eine Islam-Konferenz leiten will, sollte sich ebenso ernsthaft und respektvoll damit auseinandersetzen.
Wie gedenkt man in der CSU und in Teilen der CDU mit dem kulturellen Potenzial von Millionen Deutscher islamischen Glaubens umzugehen? Der Mehrsprachigkeit, der Brückenrolle in andere Kulturen hinein, dem beruflichen und persönlichen Ehrgeiz von Eigenständigen und Existenzgründern?
Bildungspolitiker, Schulverwaltungen, Schulleitungen geben die Parole aus „Migranten machen Schule“ (http://www.stuttgart.de/migranten-machen-schule/), Netzwerke für Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte werden ins Leben gerufen (http://www.lemi-netzwerk.de), Imame werden an deutschen Universitäten zu Religionslehrern weitergebildet (http://www.zeit.de/wissen/2010-06/imam-ausbildung), „Vielfalt im Klassenzimmer“ heißt die Parole … hilft uns da Innenminister Friedrich weiter? Eine rhetorische Frage!
Und noch eine Sache, die hier hineingehört. Der türkische Ministerpräsident fordert in Düsseldorf zur Integration auf und „Unsere Kinder müssen Deutsch lernen, aber sie müssen erst Türkisch lernen“. Vielleicht meint er es anders, aber aus Sicht der Spracherwerbsforschung hat er recht: Diese geht davon aus, dass der Erwerb einer Zweitsprache dann erfolgreicher ist, wenn er auf der Basis einer gesicherten Erstsprache stattfindet (Interdependenzhypothese, J.Cummins). Ansonsten könnte daraus eine doppelte Halbsprachigkeit resultieren. Unser Außenminister Westerwelle meint dagegen: „Die Kinder, die in Deutschland groß werden, müssen zu allererst Deutsch lernen“ (Focus, 20.2.11). Hat er sich das gut überlegt oder ist er auf Stimmenfang aus? Auch eine rhetorische Frage!
Es scheint sich in den Spitzen unserer Regierungsparteien noch nicht herumgesprochen zu haben, dass Deutschland bald oder jetzt schon kein Zuwanderungsland mehr ist, sondern ein Abwanderungsland. Selbst wenn einem kulturelle Vielfalt suspekt ist, sollte man wenigstens ökonomische Vernunft walten lassen - man sollte überhaupt Vernunft walten lassen.

Fontane44 07.03.2011 18:31
Merkwürdig ist, dass ein Minister die Geschichte als Beweis dafür verwenden will, dass die Gegenwart nicht vorhanden sei. \'Reaktionär\' ist dafür eine sehr höflche Umschreibung. Was die ökonomische Vernunft betrifft, so gilt leider für eine Vielzahl von Politikern die Devise: Ökonomisch vorteilhaft ist für uns nur eine Handlungsweise, bei der wir andere Länder übervorteilen. Das beginnt mit Handelshemmnissen für Fertigprodukte und setzt sich fort bei der Einwanderungsverweigerung von Menschen, die nicht besser ausgebildet sind als der Durchschnitt der Deutschen. \"Es wäre doch gelacht, wenn es uns nicht gelänge, unsere Ausbildungskosten auf die Staaten der Dritten Welt abzuwälzen.\" Ich gebe zu, dass das etwas verkürzt formuliert ist, und bin gespannt auf die weitere Diskssion.
Fontane44 08.03.2011 14:44
Ich sollte wohl ein paar Zahlen nachreichen: 75% der afrikanischen Auswanderer nach Europa haben eine höhere Schulbildung. 99% der afrikanischen Flüchtlinge bleiben in Afrika. (sieh: Süddetsche Zeitung vom 5./6.3.11, S.V2/4)